Birte Kleine-Benne

Ceci n’est pas une page Web.

„Ceci n’est pas une pipe“ schrieb René Magritte 1929 unter die erste Version seines Öl-Abbilds einer Tabakpfeife und startete damit sein künstlerisches Spiel mit Sprachzeichen und Bildelementen. Magritte hielt mit seinen 2-D-Positionen alles in der Schwebe und brachte – mit systematischer Unauslotbarkeit – die Unvereinbarkeit und Unentscheidbarkeit von Wort und Bild zur Darstellung: Wort und Bild sind nie deckungsgleich, auch dann nicht, wenn sie offensichtlich dasselbe, nämlich die Pfeife, bezeichneten.

Diese immerwährende Lücke zwischen Wort und Bild nutzten Christoph Wachter und Mathias Jud nun für ihr Projekt picidae und klärten damit wie beiläufig ein scheinbar unlösbares Problem realpolitischer Relevanz:

Das Kunstprojekt unterwandert nämlich federleicht die aktive Internetzensur, wie China sie zum Tiananmen-Massaker 1989 auf dem Pekinger Platz des himmlischen Friedens praktiziert oder Deutschland zu rechtsradikalen Parolen oder der Iran zu Pornografie oder Saudia Arabien zu islamkritischen Positionen.1 Denn statt auf HTML-Seiten, so der Kunstgriff, surft der User auf Abbildern von Webseiten. Und Bilder, Abbilder von Webseiten sind nicht mehr wie der Quelltext von HTML-Seiten algorithmisch nach unerwünschten Schlüsselwörtern durchsuchbar, dadurch zu indizieren und in der Folge zu blockieren. Sie sind vielmehr digitale Verschlüsselungen, die die Kontrolle zu unterlaufen in der Lage sind.

Anders gesagt: Das Bild der Pfeife ist nicht die Pfeife. Oder: Das Bild einer Webseite ist nicht die Webseite.

picidae – der Specht, der in die Firewall netzzensierender Länder Schlupflöcher schlägt

Im Frühjahr 2007 reisten Wachter und Jud zu einem Selbstversuch nach Beijing und Shanghai, um in den streng kontrollierten Internet-Cafés (Ausweiskontrolle, Registrierung, Überwachungskameras) im Netz zu Themen wie den Menschenrechten oder dem Tibet zu recherchieren und Homepages wie beispielsweise von der BBC oder von Wikipedia aufzurufen – ohne Erfolg. Erklärungsversuche wie Netzwerkprobleme oder Zeitüberschreitungsmitteilungen der Browser, Umleitungen auf andere Webseiten oder Rückstellungen von Verbindungen (Connection Reset) tarnten die (zunächst nicht erkennbare) Zensur. Erst mit picidae waren die unterdrückten Seiten jenseits der Firewall anzuwählen – die pici-Software erwies sich als funktionsfähig und zuverlässig:

Wird picidae aufgerufen, erscheint vor weißem Hintergrund ein Feld zur Eingabe einer beliebigen Webadresse. Der sog. pici-Server, der einerseits Teil des Internets und andererseits als Metaebene wirksam ist, erstellt ein Bild der angeforderten Webseite und sendet dieses vollständig und inklusive aller aktiver Links zurück. Zwischengeschaltete Filter wie Rankings und Ratings oder Zensurmaßnahmen durch Behörden, Dienstleister, Portalbetreiber oder Provider, die den Zugang zum Netz am Arbeitsplatz einschränken oder regional unterschiedliche Suchergebnisse produzieren, werden durch die Bilder der codierten Webseiten einfach ausgehebelt.

Die Software selbst steht unter dem Prinzip des Copyleft der GNU General Public Licence und gewährt damit als Freie Software eine Nutzungs-, Verteilungs- und Veränderungsfreiheit; einzig unter der Bedingung der GPL, dass der Quellcode der veränderten Version wiederum verfügbar gemacht wird und Folgelizensierungen ebenfalls unter GPL-Bedingungen erfolgen. Um der eigenen drohenden Zensur entgegen zu wirken, rufen Wachter und Jud folgerichtig auf, entweder einen pici-Server oder einen pici-Proxy-Server (der auf einen pici-Server verweist) zu betreiben oder einfach nur das Projekt zu verlinken. Im Netz entstünde mit einer pici-Community ein weiteres, dezentrales Netzwerk, das sich Zensur, Eingriff oder anderen Filtermaßnahmen zu entziehen in der Lage wäre.

Die unberechenbare Macht des Bildes

Es wäre keine Produktion aus dem Hause Wachter/Jud, wenn sich die Arbeit einzig oder primär auf die Überwindung elektronischer Restriktionen beschränken würde:

Wie „Ceci n’est pas une pipe“ (der Bildtitel lautet ‚La trahison des images‘) exemplarisch als Position der Moderne gilt, indem Magritte verschiedene Wahrnehmungsebenen ineinander verschränkt, die wiederum je nach Betrachtungsart des Bildes variieren, dient picidae als Werkzeug, unsere Wahrnehmungsgrenzen zur Ansicht zu bringen. Meinen wir nicht noch immer, das Internet verkörpere per Definition die grenzenlose Gleichheit und Gleichzeitigkeit? Picidae macht über die Technik des Vergleichens der unterschiedlichen (Internet-) Ansichten blinde Flecke sichtbar. Die Auslassungen offenbaren überdies konkret zuordbares (realpolitisches) Begehren, was (visuell und damit wahrnehmungs- und handlungsrelevant) unsichtbar (gemacht) wird.

Zu ‚La trahison des images‘ gibt es zahlreiche Deutungsversuche, der wohl bekannteste ist Michel Foucaults mit dem Titel ‚Ceci n’est pas une pipe: Sur Magritte‘ aus dem Jahr 1973 (dt. 1974). Hier macht Foucault neben der bekannten Deutung, dass ein Abbild mit dem Originalgegenstand nicht identisch sei und die Differenzen zwischen Wort und Bild, zwischen Zeigen und Nennen, zwischen Nachahmen und Bezeichnen geleugnet würden, auch darauf aufmerksam, dass Magritte durch das explizite Aufzeigen dieses scheinbaren Paradoxons die Rezipienten zur Reflexion zwinge, was sie unter der Realität eines Dinges verstünden. Demnach treibt Magritte mit der Begegnung des Abbilds eines Gegenstandes mit seiner Bezeichnung einen Keil zwischen der scheinbar so bekannten und eindeutigen Realität und unserer Wirklichkeit, und zwar mitten in die Betrachter.

Und so konfrontieren Wachter und Jud mit picidae jeden Einzelnen mit seinen Vorstellungshorizonten: Wie funktioniert eigentlich dieser Entstehungsprozess von Realität und Wirklichkeit, von Zuschreibungen, Aussparungen und Tabuzonen? Wie können wir die wirklichkeitskonstituierenden Kräfte, die uns als Sprache, Vorstellungen, Konventionen etc. durchdringen, zur Anschauung bringen? Können wir uns einer Definitionsmacht, die in unsere Sprache und unsere je eigenen Vorstellungen eingeschrieben ist, widersetzen?

Gleichzeitig eröffnet das Kunstwerk, das wie immer bei Arbeiten von Wachter/Jud auf polyvalenten – z.B. auf politischen, investigativen, wahrnehmungsphysiologischen, analytischen und selbst-/reflexiven – Ebenen agiert, auch einen Diskurs über die ästhetische Illusion. Bedingte diese noch bis knapp ins 20. Jahrhundert eine jede künstlerische Produktion, wird hier thematisch die Illusion eines globalen Konzepts von Kunst attackiert. Nicht nur damit weist sich picidae in der Tradition bildender Kunst aus. Denn mit picidae in der Doppelfunktion des Internets als Gegenstand und als Mittel ist die Illusion eines freien, gleichen und globalen Internets, das die spezifischen Bedingungen der unterschiedlichen Zugänge ausblendet, zur ANSCHAUUNG freigegeben.

1 Zu Zensurmaßnahmen, dem Umfang der Filterung und den variierenden Techniken vgl. OpenNet Initiative ( http://map.opennet.net ) und Reporters Sans Frontieres ( http://www.rsf.org ). Hier wird über aktuelle Ereignisse informiert, dass z.B. der 12. März 2008 von ‚Reporter ohne Grenzen‘ als der erste ‚International Online Free Expression Day‘ unter Schirmherrschaft der UNESCO ausgerufen und eine 24-Stunden-Online-Demonstration gegen die Internetzensur organisiert wurde. Aktuell sind 63 Cyberdissidenten inhaftiert und von ‚Reporter ohne Grenzen‘ 13 Länder als sog. Internetfeinde benannt: Weißrussland, Burma, China, Kuba, Ägypten, Iran, Nord Korea, Saudi Arabien, Syrien, Tunesien, Turkmenistan, Usbekistan, Vietnam.


Alle Rechte vorbehalten.
URL dieser Ressource: http://www.ask23.de/draft/archiv/hs_publikationen/kleine_benne_ii.html
Das ist die Originalversion der Ressource: Verfügbar gemacht von christiane am 2009-07-30, Hashwert 6bb748b7cbb28af2a70a5df7ae34d9125a648e7a