Michael Dürfeld

Das Ornamentale und die architektonische Form

Systemtheoretische Irritationen (Leseprobe)

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Abstract

Eine Ornamentinterpretation als Schmuck und Verzierung, wie sie sich in den Architekturdiskurs eingeschrieben hat, wird den vielfältigen aktuellen Phänomenen des Ornamentalen in der Praxis der Architektur nicht gerecht. Die architekturtheoretischen Forschungen, die sich mit dem ornamentalen Phänomen auseinandersetzen, können zwar sehr eindringlich das Phänomen Ornamentalität mit spezifischen Entwurfsstrategien in Verbindung bringen, jedoch die Frage nach einem Ornamentbegriff, der gleichermaßen alle verschiedenen Phänomene zusammenfassen kann, bleibt unbeantwortet. Das Gemeinsame dieser Phänomene muss offensichtlich in einer sehr generellen Beziehung von Ornament und Entwurf liegen.

Die Frage, ob es einen allen ornamentalen Phänotypen zu Grunde liegenden Genotyp gibt, lässt den Blick in die Ornamentdebatte der 60er und 70er Jahre über eine Neue Ornamentik gleiten. Der dort maßgeblich entwickelte strukturalistische Ornamentbegriff ermöglicht es zwar, eine Vielzahl ornamentaler Phänomene zusammen zu fassen, aber für einen gerade heute benötigten prozessorientierten Ornamentbegriff stellen die strukturalistischen Theorien kein entsprechendes Instrumentarium bereit. Was man benötigt, ist also ein theoretisches Instrumentarium, welches die Aporien strukturalistischer Ansätze überwindet und Begriffe bereitstellt, die dem Prozesscharakter des Ornamentalen gerecht wird.

Neben dem dekonstruktivistischen Ansatz eines Jacques Derrida und dem konstruktivistischen Ansatz der Neuen Naturwissenschaften, gibt es einen – bislang in der Architekturtheorie nicht beachteten - dritten theorieansatz, der durch eine intensive Auseinandersetzung mit strukturalistischen Theorien ein ausgezeichnetes Begriffsinstrumentarium für die Beschreibung von Prozessen der Transformation herausgebildet hat: Die Systemtheorie Niklas Luhmanns.

Dieser hatte 1995 in seinem Buch Die Kunst der Gesellschaft das Ornament als Grundform des Entwickelns von Formen aus Formen definiert. Mit dieser prozessorientierten Definition verschiebt Luhmann den Fokus vom Ornament als einer Gestaltform zum Ornamentalen als einer Prozessform: Das Ornamentale wird zum grundlegenden künstlerischen Formengenerierungsprinzip.

Die Arbeit greift den Luhmann’schen Ornamentbegriff auf und sucht nach einer architekturtheoretische Reformulierung des Ornamentalen. Der Rahmen dieser Untersuchung wird in einem Grundlagenteil abgesteckt, der das komplexe und stark vorbelastete Verhältnis von Architektur und Systemtheorie in den Grundzügen problematisiert. Dabei geht es u.a. um die Frage nach Möglichkeiten einer Anwendung von Systemtheorie in der Architekturtheorie, nach einer Architektonik der Systemtheorie, nach dem Verhältnis von Architektur und Kunst, nach dem Raum in der Systemtheorie und schließlich nach einer formentheoretischen Entwurfstheorie.

Im Hauptteil wird die Luhmann’sche Ornamentdefinition dekomprimiert. Es wird herausgearbeitet, wie Niklas Luhmann bezüglich Fundierung, Formulierung, Form und Funktion des Ornamentalen auf jeweils unterschiedliche, aber sich ergänzende theoretische Konzeptionen zurückgreift. Diese Dekomprimierung geschieht in architekturtheoretische Themenkomplexe, so dass vier Facetten des Ornamentalen herausgearbeitet werden: Ornament & Wahrnehmung, Ornament & Kalkül, Ornament & Geometrie und Ornament & Struktur. Die einzelnen Beobachtungen werden jeweils bis zu dem Punkt gebracht, an dem ein neuer Themenkomplex, eine neue Fragestellung sich eröffnet: So führt die Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Ornament & Struktur zu der Frage nach dem Verhältnis von Ornament & Atmosphäre, die Untersuchung des Bezugs von Ornament & Kalkül führt zur Frage, wie Ornament & Evolution zusammen gedacht werden können, die Dekomprimierung des Luhmann’schen Ornamentbegriffs in den architekturtheoretischen Themenkomplex von Ornament & Geometrie stellt die Frage, wie das Verhältnis von Ornament & Virtualität neugedacht werden muss und die Fundierung des Ornamentalen in der Beziehung von Ornament & Wahrnehmung führt schließlich zur Frage nach der Beziehung von Ornament & Kosmos.

INHALT

EINFÜHRUNG

Ornament & Entwurf

Vom Ornament zum Ornamentalen

11

Zur Aktualität des Ornamentalen 11 | Die vergessene Neue Ornamentik 15 | Der Luhmann’sche Ornamentbegriff als Scharnier 21

GRUNDLAGEN

Systemtheorie & Architektur

Von einer kategorialen zu einer operativen Architekturtheorie

27

Systemtheorie als Beobachtungsinstrumentarium 27 | Raum als Medium 32 | Allgemeine Systemtheorie und rationale Planungsmethodik 38 | Entwerfen als Formbildungsprozess 43

FACETTEN

Ornament & Wahrnehmung

Zur Fundierung des Ornamentalen

55

Ordnungswille und Ornamentik bei August Schmarsow 55 | wahrnehmen – rechnen – ordnen – ornamentieren 60 | Die Abwertung des Ornamentalen in der Moderne 68 | Kosmos – Vom Ordnungssinn im Ornamentalen 72

Ornament & Kalkül

Zur Formulierung des Ornamentalen

79

Das Ornamentale und das Mathematische bei Paul Valéry 79 | Kunstwerk und Ornament als Unterscheidungskette 83 | Die Laws of Form 88 | Formenkalkül und Evolution 92

Ornament & Geometrie

Zur Form des Ornamentalen

97

Symmetrie und Rapport 97 | Rhythmus, Dynamik, Ordnung 104 | Fraktale Ornamentik und Virtualität 109

Ornament & Struktur

Zur Funktion des Ornamentalen

113

Die Struktur/Ornament-Figur in der Architektur 113 | Neue Ornamentik 117 | Das Ornamentale als inneres Ornament 121 | Atmosphäre 126

AUSBLICK

Ornament & Theorie

131

Literatur

145

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